PRAXIS LIVE Nr. 43
Die Flachdach-Schnee-Räumung als spezieller Aspekt der Wartung
Die letzten Winter waren in vielen Regionen vergleichsweise mild. Dadurch ist bei manchen Eigentümern, Betreibern und auch bei Dienstleistern etwas in Vergessenheit geraten: Winter können auch anders verlaufen.
Der aktuelle Winter hat aber wieder eindrücklich gezeigt, mit welchen Problemen auf Flachdächern gerechnet werden muss. Außergewöhnlich starke und anhaltende Schneefälle führten zu erheblichen Schneelasten auf den Dachflächen. Diese Belastungen können zusätzlich durch Frost-Tau-Wechsel oder durch ein Antauen der Schneeschichten von unten verstärkt werden. Dadurch verdichteten sich die Schneemassen erheblich. In einigen Fällen konnten durch die Entnahme von Bohrkernen Flächenlasten von bis zu 200 kg/m² nachgewiesen werden.
Zum Vergleich:
- 10 cm Pulverschnee wiegen etwa 10 kg/m²
- 10 cm Nassschnee können bereits bis zu 40 kg/m² erreichen
- gefriert der Schnee zu Eis, steigt das Gewicht sogar auf bis zu 90 kg/m²

Bildquelle: Andreas Götze

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Mehrere übereinanderliegende Schichten, Verdichtung durch Tau- und Gefrierprozesse sowie zusätzliche Eisbildung können daher schnell zu kritischen Belastungen für die Tragkonstruktion führen.
Im Notfall werden häufig Kräfte (z. B. Hausmeisterdienste etc.) eingesetzt, die nicht über die erforderliche Erfahrung im Umgang mit Dachabdichtungen und deren Aufbauten verfügen Teilweise wurde mit Schneefräsen ohne Rücksicht auf Einbauteile, Abdichtungen oder aufgeständerte Anlagen – etwa Solaranlagen – über die Dachflächen gearbeitet. Dabei entstanden erhebliche Schäden an Abdichtungen und Dachaufbauten.
Ein besonders großes Risiko stellte zudem die unter der Schneedecke verborgene Dachgeometrie dar. Lichtkuppeln oder Oberlichter waren oft nicht mehr erkennbar. In der Folge kam es zu Durchbrüchen durch die Oberlichter mit schweren Arbeitsunfällen.
Diese Ereignisse zeigen deutlich, dass Schneeräumung auf Dachflächen keinesfalls als einfache oder improvisierte Tätigkeit betrachtet werden darf.
Ein wesentlicher Bestandteil der Flachdachwartung ist daher eine strukturierte Vorbereitung bereits vor Beginn der Wintersaison.
Sinnvoll ist eine ausführliche Datenaufnahme:
Zu erfassen sind insbesondere: Lage und Zustand der Ein- und Aufbauteile, Lichtkuppeln und Oberlichter, Kabeltrassen, Kennzeichnung durchtrittssicherer bzw. nicht durchtrittssicherer Bereiche, vorhandene Absturzsicherungen Oberflächenschutz der Abdichtung, Aufbau der Tragdecke, verfügbare statische Angaben bzw. zulässige Schneelasten, Überprüfung der Dachentwässerung und des ungehinderten Wasserablaufs.
Darüber hinaus sollten organisatorische Aspekte dokumentiert werden:
- bestehende Wartungsverträge
- Gewährleistungsbereiche
- bekannte Vorschäden
- Zugangsstellen zum Dach
- mögliche Abwurfstellen für Schnee
- geeignete Kranstellplätze oder
- Logistikflächen.
Eine solche Dokumentation ermöglicht im Ernstfall eine deutlich strukturiertere und leichtere Vorgehensweise. Improvisation unter Zeitdruck sollte unbedingt vermieden werden.
Gerade bei größeren Dachflächen kann es sinnvoll sein, bereits im Vorfeld über Kooperationen mit Fachbetrieben oder Kollegen nachzudenken. Auch Kontakte zu Berufsverbänden oder spezialisierten Dienstleistern können helfen, im Bedarfsfall schnell auf qualifiziertes Personal zurückzugreifen.
Bei allen Arbeiten auf schneebedeckten Dachflächen gilt: Eigenschutz ohne Kompromisse!

Bildquelle: Andreas Götze
Dazu gehören unter anderem:
- geeignete Absturzsicherung
- sichere Zugänge und Laufwege
- Kennzeichnung gefährdeter Bereiche (z. B. Lichtkuppeln)
- geeignete Werkzeuge und Arbeitsmethoden
- klare Einweisung der eingesetzten Personen
Bei Planung und Durchführung von Schneeräumungen sollten unbedingt die einschlägigen Veröffentlichungen der Berufsgenossenschaften berücksichtigt werden, insbesondere die
„DGUV Information 212-002 „Schneeräumung auf Dachflächen“ der BG BAU.
Sie enthält praxisnahe Hinweise zu: Gefährdungsbeurteilung, Organisation der Arbeiten, Absturzsicherung, geeigneten Arbeitsmitteln und Qualifikation der eingesetzten Personen.
Schneereiche Winter treten in Mitteleuropa zwar nicht jedes Jahr auf, sie können jedoch jederzeit wieder auftreten. Die Erfahrungen der vergangenen Jahre zeigen deutlich, dass Flachdächer auf solche Situationen besser vorbereitet sein müssten.
Eine systematische Vorbereitung im Rahmen der Wartung, eine strukturierte Datenerfassung sowie klare Sicherheits- und Organisationskonzepte sind entscheidende Voraussetzungen, um Schäden an Gebäuden und vor allem schwere Arbeitsunfälle zu vermeiden.
Denn gerade im Dachbereich gilt mehr denn je: Nach dem Winter ist vor dem Winter.
